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Sexueller Missbrauch an Jungen

Obwohl nach vorsichtigen Schätzungen in Deutschland von 10 Jungen ein bis zwei sexuell missbraucht werden, dringt die Notlage dieser Jungen erst langsam ins Bewusstsein der Öffentlichkeit.(8)

Deshalb erachten wir es als notwendig, gesondert hier darauf einzugehen. Ursachen und Wirkungen der sexuellen Traumatisierung von Jungen sind unzureichend erforscht und die wenigen spezifischen Hilfeangebote erst neueren Datums.

Sprachlosigkeit und Schweigen herrscht bei den heutigen Opfern ebenso wie bei den ehemals missbrauchten Männern, die bisher noch wesentlich seltener als Frauen den Mut gefunden haben, über ihre sexuelle Ausbeutung zu sprechen oder zu schreiben. Entsprechend selten wird der Missbrauch bekannt.

„Ein richtiger Junge ist kein Opfer“

Diese Rollenerwartung verwirrt und belastet die durch den Missbrauch tatsächlich zu Opfern gewordenen Jungen gleich doppelt:

Zum einen ist ihr Identitätsgefühl als Junge und damit auch ihr Selbstbewusstsein schwer erschüttert. Sie befürchten, als Opfer kein ganzer Junge mehr zu sein. Im Dilemma zwischen Männer- und Opferrolle neigen sie zur Identifikation mit dem Aggressor, möchten so stark sein wie der Täter und sich keinesfalls als Schwächling oder Homosexueller sehen müssen. In ihrem Kampf um Respekt vor sich selbst und anderen eifern sie ihrem Ideal eines richtigen Jungen nach und treten dabei oft übertrieben aggressiv oder machohaft auf.

Zweitens sieht die Umwelt nur den nach aussen hin kompensatorisch besonders männlich auftretenden Jungen und nimmt ihn umso seltener als Opfer wahr. Immer noch ist die Meinung verbreitet, Jungen könnten sich wehren, wenn sie nur wollten, und selbst beim sexuellen Kontakt würden Jungen grundsätzlich Lust empfinden anstatt zu leiden.

Es erscheint auf den ersten Blick paradox, dass sich Jungen als passives Opfer homosexueller Ausbeutung selbst schnell für schwul halten, während sich die meisten Täter als heterosexuelle Ehegatten und Familienväter betrachten.

In solchen Fällen nehmen Jungen nur wahr, wie sich ein ansonsten ja heterosexueller Mann ihnen gegenüber plötzlich homosexuell verhält. So wie sich erfahrungsgemäß kindliche Opfer am sexuellen Missbrauch selbst schuldig fühlen, so beziehen Jungen das homosexuelle Verhalten des Täters vollständig auf ihre eigene Ausstrahlung.

Laut Kinsey-Report sind zwei Drittel der männlichen Täter bereits verheiratet oder heiraten später. Auf viele Täter wirken vorpubertäre Jungen gerade wegen ihres noch unspezifisch ausgeprägten Geschlechts sexuell anziehend. Die Angst vor Homosexualität steht für Männer dem Kontakt mit Jungen umso weniger im Wege, je jünger das noch nicht zum Mann gewordene Kind ist. Sexueller Missbrauch beginnt bei Jungen schon in der frühen Kindheit, am häufigsten in der Altersgruppe von 4 bis 5 Jahren und wird nicht selten bereits an Säuglingen verübt.(9)

Im Gegensatz zu Mädchen werden Jungen häufiger von Bekannten ausserhalb des unmittelbaren Familienkreises missbraucht, wobei der Missbrauch kürzer währt. Täter an Jungen sind häufig Autoritätspersonen, welche die Jungen mit Geschenken, Geld oder besonderen Vergnügungen bestechen. Dennoch kann der Täter auch bei Jungen der Vater oder Stiefvater, unter Umständen auch die biologische Mutter oder Stiefmutter sein.

Missbraucht der eigene Vater oder Stiefvater, so wendet er gegenüber Söhnen mehr Gewalt an als gegenüber Töchtern. Männer aus dem Bekanntenkreis gehen mit Jungen weniger brutal um. Demgegenüber missbrauchen Frauen Jungen am ehesten innerhalb einer vertrauten Beziehung, in welcher die Grenze zwischen angemessener Liebkosung und sexueller Erregung langsam überschritten wird, oder gemeinsam mit einem männlichen Täter.

Während Jungen auf ihr erstes, wenn auch verfrühtes sexuelles Erlebnis mit Frauen meist stolz zurückblicken,(10) bedeutet homosexueller Missbrauch durch einen Mann für Jungen - und auch in den Augen der Umwelt - eine schwere Stigmatisierung. Die Angst, beim Missbrauch durch einen Mann zum Homosexuellen gestempelt worden zu sein, ist immer wieder die größte Angst missbrauchter Jungen und oft auch die der Eltern. Wissenschaftliche Untersuchungen belegen, dass diese Angst unbegründet ist: Für Opfer sexuellen Missbrauchs gibt es keine erhöhte Wahrscheinlichkeit, homosexuell zu werden.(11)

Ein anderes Vorurteil macht missbrauchte Jungen von vornherein zu späteren Sexualtätern. Tatsächlich agieren weniger als die Hälfte aller Jungen, die sexuellen Missbrauch erleiden mussten, diese sexuelle Stigmatisierung aktuell oder später aktiv aus. Je früher ein Junge selbst Kinder sexuell belästigt, desto eindeutiger weist ihn dies als Opfer aus.

Eltern und andere Bezugspersonen, die den genannten Vorurteilen erliegen und den Jungen nun für homosexuell und einen möglichen Täter halten, reagieren erschreckt und werden sich dem Kind gegenüber häufiger kühl bis abweisend verhalten. So erklärt sich, dass Jungen aufgrund ihres Geschlechts gerade dann weniger Unterstützung erhalten, wenn sie diese besonders nötig hätten.

Die Folgen sexueller Gewalt prägen oder zerstören das Leben von Männern ebenso wie dasjenige weiblicher Opfer - wobei sich die Folgen den Geschlechterrollen entsprechend äussern. Männer bleiben seltener auf ihre Opferrolle fixiert und überdecken ihre seelischen Verletzungen öfter mit einer harten Schale, besonderem Ehrgeiz, oder indem sie besonders hilfsbereit sind. Nicht selten leiden sie an anhaltenden Beziehungsstörungen, Angstzuständen oder Suchtproblemen, schämen sich aber gerade als Mann, notwendige therapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen.

In Männergruppen, denen auch Opfer von sexuellem Missbrauch angehören, hat sich gezeigt, dass sie häufig folgende Lebenshaltungen entwickelt haben:

Der Felsen
Solche Männer gehen zwar Beziehungen ein, jedoch selten mit emotionaler Tiefe und Vertrauen.

Komm nah, doch nicht zu nah
Diese Männer lassen Intimität teilweise zu, schützen sich aber ständig vor eventuellen negativen Folgen.

Sich festklammern
Männer dieses Typs machen sich enorm abhängig von anderen und haben unrealistische Erwartungen an diese, sie bitten ständig um Aufmerksamkeit und haben häufig das Gefühl, von anderen abgewiesen zu werden.

Es nicht besser verdienen
Diese Männer glauben tatsächlich, am Missbrauch Schuld zu haben und es daher nicht besser zu verdienen. Ihnen fehlt der Glaube an die Möglichkeit einer guten Beziehung.

Übersexualisierung
Die Neigung, auch nicht-sexuelle Beziehungen zu sexualisieren.

Macht und Kontrolle
Die Strategie, Beziehungen zu kontrollieren und zu beherrschen, um sich sicher zu fühlen. Dies geht auf Kosten der Sicherheit des Partners.

Der Text wurde mit freundlicher Genehmigung der Senatsverwaltung Berlin zur Verfügung gestellt.